Generationswechsel in der Lausitz – Wie dem altersbedingten Fachkräftemangel begegnet werden kann | Online-Veranstaltung
Datum: Mittwoch, 17. September 2025
Zielgruppen: Personalverantwortliche, Bildungsverantwortliche, politische Entscheidungsträger*innen in der Lausitz sowie alle, die sich für die Zukunft der beruflichen Ausbildung und Fachkräftesicherung in der Region engagieren
Mit der Online-Veranstaltung am 17. September 2025 setzten wir als Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz einen gezielten Impuls zum Diskurs über die Fachkräftesicherung in der Region. Unsere Kollegin Julia Bischoff, wissenschaftliche Mitarbeiterin im regionalen Bildungsmonitoring, stellte zentrale Ergebnisse ihres Artikels »Generationswechsel in der Lausitz – Zur Passung von beruflicher Ausbildung und Fachkräfteentwicklung« vor. Im Fokus standen die aktuelle Lage auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt sowie die Frage, ob die berufliche Ausbildung allein dem steigenden Fachkräftebedarf gerecht werden kann.
Neben diesem Impulsvortrag, in dem zentrale Ergebnisse der Kurzstudie vorgestellt wurden, bot die Veranstaltung Raum für Nachfragen und gemeinsamen Austausch. Für die anschließende Podiumsrunde konnten wir regionale Expertinnen aus Praxis, Forschung und Verwaltung gewinnen, mit denen wir gemeinsam über konkrete Instrumente zur Fachkräftesicherung sprachen.
Programm im Überblick:
10:00 Uhr – Begrüßung und Einführung durch Projektleiter Dr. Thomas Prennig 10:05 Uhr – Fachimpuls: Vorstellung der Kurzstudie durch Julia Bischoff 10:20 Uhr – Podiumsdiskussion: Gestaltungsansätze zur Fachkräftesicherung 11:25 Uhr – Fragerunde & Austausch mit allen Gästen 11:55 Uhr – Abschluss und AusblickFachimpuls: Vorstellung der Kurzstudie durch Julia Bischoff
Ein Generationswechsel mit Folgen – und die Frage, wer morgen arbeitet | Der Lausitzer Arbeitsmarkt steht vor einer absehbaren Verschiebung: Bereits heute ist mehr als ein Viertel (27,7 %) der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Region mindestens 55 Jahre alt – Tendenz steigend. In den kommenden zehn Jahren gehen die sogenannten Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er Jahren, flächendeckend in Rente. Gleichzeitig reicht die Zahl junger heranwachsender Erwerbspersonen nicht aus, um diese klaffende Lücke zu schließen: Statistisch betrachtet deckt der Nachwuchs gerade einmal 45,8 Prozent des zukünftigen Ersatzbedarfs.
Was heißt das für die Region? Welche Berufe trifft es besonders? Und wie gut ist die Lausitz auf den bevorstehenden Generationswechsel vorbereitet? Diesen Fragen ist unsere Kollegin Julia Bischoff in ihrem Kurzvortrag nachgegangen, um die Zuhörenden auf das vielschichtige Thema einzustimmen. Ihre Erkenntnisse und Übersichten u. a. zur Ersatzbedarfsrelation der Auszubildenden, sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 55+ sowie eine Auswahl an Lösungsansätzen für die anstehenden Herausforderungen in Bezug auf den Lausitzer Fachkräftebedarf finden sich in ihrem kürzlich veröffentlichten Bericht. Nachzulesen auf unserer Website (zur PDF).
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Podiumsdiskussion: Gestaltungsansätze zur Fachkräftesicherung
Worum es ging in Kürze | Regionale Ursachen des Fachkräftemangels aufzeigen. Mögliche Zugriffspunkte diskutieren: Ausbildung und Berufsorientierung, Fort- und Weiterbildung, Zuwanderung und Integration vor Ort, betriebliche Bindung und Attraktivität der Region Lausitz.
Unsere Gäste auf dem Podium | Dr. Michaela Fuchs, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Regionale Muster von Fachkräfteengpässen und deren Ursachen« am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) | Manuela Glühmann, stellv. Hauptgeschäftsführerin und Leiterin Geschäftsbereich Aus-/Weiterbildung und Fachkräftesicherung, Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus | Dr. Anja Günther, Leiterin Berufliche Aus- und Weiterbildung am Zentrum für Fachkräftesicherung und Gute Arbeit Sachsen (ZEFAS) | Dr. Stefanie Kaygusuz, Leiterin Fachbereich Bildung und Integration der Stadt Cottbus | Franziska Stölzel moderierte die Runde.
These 1: Engpässe im Bereich der Fachkräftesicherung haben strukturelle Ursachen und sind regional unterschiedlich ausgeprägt
- Engpässe im Lausitzer Revier betreffen vor allem Gesundheit, Pflege, IT und Bau.
- In der Lausitz verstärken Demografie und kleinteilige Betriebsstrukturen die Probleme.
- Klein- und Kleinstbetriebe in ländlichen Räumen sehen sich mit den größten Herausforderungen konfrontiert.
- Das Finden einer geeigneten Unternehmensnachfolge wird zunehmend schwieriger – ohne Nachfolge schließen in den kommenden Jahren viele Betriebe, was den Engpass zusätzlich verschärft.
Schlussfolgerung: Ohne regionale Handlungsstrategien und frühzeitige Nachfolgestrategien bleiben Engpässe bestehen und verschärfen sich weiter.
These 2: Übergang Schule-Beruf als ganzheitlichen Prozess denken
- Frühe und praxisnahe Berufsorientierung ist nötig, um Berufswahlkompetenz zu stärken.
- Gymnasien und Eltern müssen stärker einbezogen werden; regionales Konzept eines BO-Campus in der Lausitz und überregionale (lausitz- bzw. brandenburgweite) Praktikumsplattformen könnten neue Wege eröffnen.
- Passungsprobleme bleiben bestehen, wenn kleine Betriebe digital weiterhin nahezu unsichtbar sind und notwendige Mobilität in ländlichen Gebieten unverändert problematisch bleibt.
- Verbundausbildung kann Defizite kleiner Betriebe ausgleichen.
- Hohe Abbrecherquoten von bis zu 30 Prozent in der Ausbildung verdeutlichen die Bedeutung von Qualität in der Ausbildung und die Vorteile von Verbundmodellen. Neue Berufsbilder verbreiten sich zu langsam; ergänzende Zusatzqualifikationen müssten schneller auf Trends reagieren können.
Schlussfolgerung: Orientierung und Matching gehören untrennbar zusammen – nur ein durchgehender, didaktisch gestalteter Prozess senkt Abbruchquoten und erhöht die Chancen für Ausbildungsinteressierte und -betriebe.
These 3: Weiterbildung und beruflicher Umstieg brauchen zeitgemäße sowie adressatengerechte Angebote (und müssen KI mitdenken)
- Erwachsene in der Mitte des Berufslebens suchen vermehrt ebenfalls aktiv neue Perspektiven → passende Programme sind oft unbekannt oder fehlen.
- Weiterbildung muss sich stärker an betrieblichen Bedarfen des Strukturwandels orientieren.
- KI verändert Berufsbilder: Produktivität steigt, Qualifizierung muss mithalten.
- KI gilt als Chance für die Region – deren Nutzung erfordert aber auch, digitale Kompetenzen und neue Lernformen stärker in die Weiterbildung zu integrieren.
Schlussfolgerung: Weiterbildung kann nur Wirkung entfalten, wenn sie eng an die Herausforderungen des Strukturwandels gekoppelt ist und Digitalisierung wie KI konsequent einbezieht.
These 4: Integration von Arbeitskräften ist eine Schlüsselkompetenz von strukturwandelbetroffenen Regionen wie der Lausitz – vom Anerkennungsverfahren bis in den Alltag
- Zuwanderung birgt immenses Fachkräftepotenzial, Anerkennungsverfahren (Zeugnisse/Qualifikationen) sind aber oft zentrales Nadelöhr.
- Kommunen brauchen klare Zuständigkeiten, um Integration zu steuern, und ausreichend finanzielle Ressourcen und soziale Infrastruktur, um die notwendigen Bedarfe decken zu können.
- Attraktive Standortfaktoren (z. B. Schulen, Angebote für Angehörige) entscheiden oft über Kommen, Gehen oder Bleiben.
- Im Alltag gelingt Integration, wenn Sprache und Arbeit gekoppelt werden. Praxisnahe Einstiege sind wirksamer als isolierte Kurse.
- Willkommenskultur muss auch in regionalen Gremien gelebt und politisch flankiert werden, z. B. durch verlässlich eingeplante Mittel für soziale Bildungsprojekte.
Schlussfolgerung: Integration gelingt nur, wenn Anerkennungsprozesse, niedrigschwellige Beratung, bedarfsgerechte Standortqualität und Praxis (Sprache/Quereinstieg) im Betrieb nahtlos ineinandergreifen.
These 5: Die BTU als Rekrutierungsmotor nutzen, um die Region für internationale Fachkräfte interessant zu machen
- 40 % internationale Studierende → großes Potenzial für den regionalen Arbeitsmarkt.
- Sprachförderung mit Deutsch als Fremdsprache während des internationalen Studiums sollte Ziel sein.
- Studienabbrecher könnten im Idealfall in hiesige Ausbildungsverhältnisse wechseln.
- Quereinstiege brauchen (tarifliche) Flexibilität → Menschen, die hier sind, so entwickeln, dass sie in Arbeit kommen (Modellprojekt »Spurwechsel«)
- Internationale Studierende und Auszubildende benötigen klare Deutsch-Sprachförderung, um Anschluss auf Lausitzer Arbeitsmarkt zu finden; rein englische Ausbildungswege sind derzeit rechtlich nicht möglich.
Schlussfolgerung: Das Potenzial der BTU lässt sich nur ausschöpfen, wenn Sprachförderung, Praktika und Quereinstiegspfade systematisch aufgebaut und Kommunikationskanäle zur dualen Berufsausbildung etabliert werden.
These 6: Rückkehrer und Pendelnde allein sind keine tragfähige Zielgruppe gegen den Fachkräftemangel in der Lausitz
- Historisch zu beobachtender Wegzug nach Westdeutschland in den 1990er Jahren war in Anbetracht des hiesigen Arbeitsmarktes notwendig und geboten. Heute sind die Zahlen bei Betrachtung von Abwanderung und Rückkehr ernüchternd.
- Gründe für das Pendeln: oft bessere Jobs und Bezahlung in Städten.
Schlussfolgerung: Bemühungen, dies zu ändern, haben kaum einen Effekt auf den Arbeitsmarkt – Ressourcen und Kapazitäten sollten auf wirksamere Instrumente gelenkt werden.
These 7: Regionale Attraktivität für junge Frauen muss öffentlichkeitswirksam unterstrichen werden
- Ostdeutschland hat traditionell egalitäre Rollenbilder und stabile Kinderbetreuung.
- Beispiele wie positiver Gender-Pay-Gap in Cottbus zeigen eindeutige Vorteile für Frauen.
- Entscheidend sind konkrete Angebote, Treffpunkte und Mitwirkungsmöglichkeiten. Aber auch hier muss der ländliche Raum differenziert betrachtet werden.
Schlussfolgerung: Angebote speziell für Frauen schaffen bzw. bereits bestehende sichtbar machen, um Attraktivität der Lausitz zu stärken. Frauen im Strukturwandel gezielt ansprechen und ihnen konkrete Vorteile der Region vermitteln.
These 8: Betriebe und Jugendliche nachhaltig aneinander binden mit Unternehmenskultur, betrieblicher Organisation und persönlicher Erreichbarkeit
- Betriebe müssen hier aktiv werden: Wertschätzung, Entwicklungsmöglichkeiten und sozialer Anschluss sind entscheidend. Vergütung ist nicht immer der entscheidende Faktor.
- Betriebe müssen ihre individuellen Vorzüge nach Außen transportieren. Dabei ist vor allem die Internetpräsenz enorm wichtig für die Sichtbarkeit bei potenziellen Auszubildenden.
- Onboarding, Mentoring und Mobilität müssen in der Fläche aktiv mitgedacht und etabliert werden.
Schlussfolgerung: Betriebe sichern ihre Zukunft nur, wenn sie aktiv an persönlicher Bindung, Unternehmenskultur und digitaler Sichtbarkeit arbeiten.
Abschluss und Ausblick
Abschließende Worte von Dr. Thomas Prennig, dem Leiter des Netzwerkbüros Bildung in der Lausitz mit dem großen Dank an das Podium und all die wertvollen Impulse, die gesetzt wurden. Ein Dank auch an unsere Gäste für ihr Interesse und die gestellten Fragen. Und natürlich auch ein Dank an unsere Moderatorin Franziska Stölzel sowie an unsere Kollegin Julia Bischoff für die Arbeit rund um ihren Bericht und den heutigen Einblick mit dem gewählten Fokus aus ihrer Recherche. Wir nehmen mit: Bildung ist und bleibt der Knotenpunkt für die aktuell drängenden Herausforderungen unserer Region und wir freuen uns, dass wir die hiesigen Akteure mit unserer Arbeit weiter begleiten werden.
Nützliche Links:
- https://job-futuromat.iab.de/ | Der IAB Jobfuturomat, zeigt, wie digitale Techniken den eigenen Job bereits verändern.
- https://iab.de/publikationen/publikation/?id=14707661 | Publikation IAB-Regional „Digitalisierung der Arbeitswelt“
- https://praktikum-lausitz.de/ | Gemeinsame Online-Plattform von Wirtschaftskammern, Wirtschaftsregion Lausitz GmbH, Stadt Cottbus und der Lausitzer Landkreise. Sie richtet sich an Schüler*innen, Eltern, Lehrer*innen und Unternehmen gleichermaßen.
- »Generationswechsel in der Lausitz – Zur Passung von beruflicher Ausbildung und Fachkräfteentwicklung« | Artikel aus dem Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz





