Strategieforum Lausitz 2025
Wandel braucht Zusammenhalt.
Wie gesellschaftliche Spaltung den Strukturwandel bedroht
Wie gesellschaftliche Spaltung den Strukturwandel bedroht
Veranstaltungsdokumentation | 27. & 28. November 2025 | Bad Muskau

Begrüßung und Einführung
Dr. Thomas Prennig, Projektleiter des Netzwerkbüros, setzte zur Begrüßung und Einführung in das diesjährige Strategieforum Lausitz klare Akzente. Er beschrieb die Lausitz als Region, die durch das Strukturstärkungsgesetz die einmalige Chance hat, sich wirtschaftlich, sozial und kulturell zu erneuern und gleichzeitig mit dieser Möglichkeit hadert und widersprüchliche Signale sendet: Will die Lausitz nachhaltig von den Investitionen profitieren, sind Zuwanderung, Offenheit und ein Mindestmaß an Vertrauen in demokratische Prozesse Grundbedingungen des Wandels. Die derzeitigen Entwicklungen legen jedoch nahe, dass genau diese Grundlagen in der Region momentan ins Wanken geraten. Die Wahlergebnisse der vergangenen Monate haben gezeigt, wie stark rechtsextreme politische Positionen inzwischen verankert sind. Für das Netzwerkbüro ist das keine abstrakte Beobachtung, sondern mittlerweile ein manifestes Risiko, das unmittelbar auf Investitionsentscheidungen, Fachkräftesicherung, kommunale Planung und das gesellschaftliche Klima wirkt. Der Ausgangspunkt des diesjährigen Strategieforum Lausitz erwächst demnach nicht aus Alarmismus, sondern aus der nüchternen Feststellung, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation nur gemeinsam gelingen können und die Lausitz langfristig nur von den Investitionen profitieren kann, wenn sie sich öffnet. Der thematische Fokus war damit gesetzt: Was bedeutet es, wenn eine Region Chancen erhält, sich aber gleichzeitig selbst die Voraussetzungen entzieht, diese zu nutzen?
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Grußworte – der institutionelle Rahmen
Gemeinsam zeichneten die Grußworte ein klares Bild: Der Strukturwandel ist nicht zu trennen von gesellschaftlicher Stabilität. In diesem Sinne ist demokratische Kultur kein optionaler Aspekt, sondern eine Grundbedingung gesellschaftlichen Wandels. Damit war die Stoßrichtung für die wissenschaftlichen Impulse und die Debatten der beiden Tage gesetzt und die Relevanz und Dringlichkeit, mit der das Thema behandelt werden muss, unterstrichen.
Dr. Andrea Ruyter-Petznek, Referatsleiterin für Bildung für nachhaltige Entwicklung, Bildung in Regionen beim Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) setzte den ersten Akzent: Der Strukturwandel braucht mehr als Investitionen. Er braucht demokratische Stabilität. Sie machte deutlich, dass das Netzwerkbüro Bildung in der Lausitz deshalb für weitere vier Jahre bis 2029 gefördert wird – nicht nur als Projekt, sondern auch als strategische Infrastruktur, die die Entwicklung regionaler Bildungslandschaften unterstützt und den Wandel begleitet. Darauf aufbauend sprach der brandenburgische Lausitzbeauftragte Dr.-Ing. Klaus Freytag mit ungewohnter Offenheit über Versäumnisse der Vergangenheit. Zu lange sei rechter Radikalisierung ausgewichen worden. Wer heute über Zukunft spricht, müsse anerkennen, dass Demokratiearbeit kein Nebenschauplatz ist. Sie entscheidet, ob (gesellschaftliche) Transformation vor Ort gelingt und alle davon langfristig profitieren oder nicht. Jörg Huntemann vom sächsischen Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung knüpfte daran aus einer anderen Perspektive an. Für ihn beginnt Zukunftsfähigkeit in den Schulen. Bildung sei der Ort, an dem junge Menschen Orientierung finden – gerade in Regionen, die um ihren Zusammenhalt ringen. Trotz des zukünftigen Rückzugs aus der Förderung des Netzwerkbüros betonte er, dass die gute und kollegiale Zusammenarbeit zwischen Sachen und Brandenburg fortgesetzt werden solle. Diana Gonzalez Olivo, Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, machte schließlich deutlich, warum all das unmittelbar mit Zuzug, Integration und Standortattraktivität verknüpft ist. Eine Region, die Menschen gewinnen will, muss ihnen Sicherheit, Respekt und Perspektiven bieten. Damit war der institutionelle Rahmen gesetzt und nach wohlwollenden Worten waren aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft gefragt.
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Impulse aus der Wissenschaft (Teil 1)
Prof. Dr. Klaus Dörre von der Universität Kassel stellte die gegenwärtige Transformation in einen größeren historischen Zusammenhang. Er beschrieb, wie die sozial-ökologische Erneuerung in eine Phase des „Rollbacks“ geraten ist, weil zentrale Voraussetzungen mittlerweile alles andere als selbstverständlich sind: politische Verlässlichkeit, soziale Anerkennung und nachvollziehbare Zukunftspfade. Gerade in Regionen wie der Lausitz, die bereits einen tiefen Strukturbruch hinter sich haben, bestärk jedes politische Schwanken – neue Ausstiegsdaten aus der Braunkohleverstromung, verschobene Entscheidungen, abgebrochene Industrieprojekte – das Gefühl wiederkehrender Unsicherheit. Diese kollektive Erfahrung erzeugt eine konservierende Dynamik, die Modernisierung nicht grundsätzlich ablehnt, sie aber grundlegend in Zweifel zieht.
Dörres empirische Studien zeigen zudem, wie eng politische Orientierung, soziale Anerkennung und biografische Erfahrungen miteinander verwoben sind. Viele (Kohle)Beschäftigte erleben einen „Ehrverlust“, der weit über eine rein berufliche Entwertung hinausgeht. In seinen Interviews tauchte immer wieder eine Sichtweise auf: Früher seien sie „Helden der Nation“ gewesen, heute würden sie als „die Bösen“ wahrgenommen. Dieser Statusverlust produziert einen eigenen, widerständigen Stolz – einen „Outlaw-Stolz“, der für rechte Narrative besonders empfänglich ist, weil sie Anerkennung versprechen, die anderswo fehlt. Gleichzeitig bleibt die Bindung an die Region ausgesprochen stark. Sie speist sich jedoch weniger aus Loyalität zu Unternehmen, sondern vermehrt aus sozialen Netzen, familiären Beziehungen und biografischen Kontinuitäten.
Dörres zentrale Schlussfolgerung lautet: Transformation gelingt nur, wenn Menschen als Expertinnen und Experten ihres Alltags ernst genommen und Konflikte nicht wegmoderiert, sondern demokratisch ausgetragen werden. Ohne diese Einbindung bleibt Zukunft ein abstraktes Versprechen – und damit angreifbar.
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Impulse aus der Wissenschaft (Teil 2)
Dr. Daniel Kubiak vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung zeigte in seinem Vortrag, wie der kommunale Umgang mit rechter Gewalt die Resilienz einer Region gegenüber dem Erstarken rechtsextremer Kräfte beeinflusst. Seine Forschung macht sichtbar, dass viele Kommunen vergangene Konflikte oft nicht transparent aufarbeiten oder darüber aufklären, sondern diese eher verdrängen, was sie nachweislich anfälliger für rechte Landnahmen macht: Erst wird ein Vorfall aus der Innenstadt an den Rand verlagert, dann in andere Stadtteile, später „aufs Land“ oder als Problem „von außen“ umgedeutet. Diese Delokalisierung beruhigt kurzfristig, verschärft aber langfristig die Lage, weil sie rechte Strukturen unsichtbar macht und Intervention verhindert.
Kubiak betonte, dass Rechtsextremismus kein episodisches Phänomen, sondern vielmehr ein historisches Kontinuum mit unterschiedlichen Konjunkturen darstellt. Die Ursachen sind vielfältig und regional verschieden ausgeprägt – Unsicherheit, biografische Brüche, politische Enttäuschung –, weshalb einfache Lösungsversprechen oft verfangen und auf fruchtbaren Boden fallen. Die zentrale Frage ist demnach nicht, wo rechte Gewalt stattfindet, sondern wie lokal darüber gesprochen wird. Sein Kernstatement lautete: Erst durch klare Benennung und öffentliche Sichtbarkeit entstehen Räume, in denen demokratische Gegenentwürfe greifen können. Verschweigen erzeugt Leere, Offenheit schafft Handlungsspielräume – und nur so entkommen strukturschwache Regionen der Abwärtsspirale aus Abwanderung und Negativimage.
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Moderierter Austausch
»Strukturwandel unter Druck: Demokratieverdruss als Standortrisiko«
»Strukturwandel unter Druck: Demokratieverdruss als Standortrisiko«
Die Podiumsdiskussion am Abend war dann der Moment, in dem die zuvor gesetzten Impulse auf unterschiedliche Wirklichkeiten trafen. Die Dynamik im Raum war sofort spürbar. Es ging nicht um abstrakte Haltungen, sondern um Erfahrungen, Handlungspraxen und Verantwortlichkeiten – und die Frage, warum rechtsextreme Orientierungen in der Lausitz an Boden gewinnen, obwohl die Region gerade jetzt auf Offenheit angewiesen ist. Moderator Marco Seiffert führte klug durch die Runde und hielt die Gesprächsstränge zusammen, ohne zu glätten. Gerade das war wichtig, denn von Beginn an standen zwei Welten nebeneinander: die zivilgesellschaftliche Praxis, in der rechte Raumnahme seit Jahren eine konkrete Bedrohung darstellt, und die politische Ebene, die mit der Herausforderung ringt, komplexe Entscheidungen zu vermitteln und dennoch Vertrauen zu erhalten.
Sylvia Pfefferkorn (Welcome Saxony) brachte die Perspektive der Wirtschaft ein und machte deutlich, wie sehr rechtsextreme Entwicklungen inzwischen als handfester Standortfaktor wahrgenommen werden. Unternehmen suchten nicht nur Arbeitskräfte, sondern ein Klima, in dem internationale Fachkräfte bleiben können. Die steigende Nachfrage nach Formaten ihres Vereins »Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen« – Workshops zu Integration, Sensibilisierung, Konfliktmanagement – sei ein Indikator dafür, wie ernst die Lage ist. Sie formulierte es knapp: Demokratische Kultur ist nicht „nice to have“, sie entscheidet, ob Unternehmen in eine Region investieren oder sich zurückziehen.
Staatssekretär Hendrik Fischer rückte den Auftrag politischer Kommunikation in den Mittelpunkt. Er machte deutlich, wie anspruchsvoll es ist, die Logik komplexer politischer Entscheidungen nachvollziehbar zu vermitteln – besonders dann, wenn es um abstrakte, langfristige Großprojekte geht. Fischer betonte, dass politische Kommunikation nicht einfach nachgelagerte Öffentlichkeitsarbeit sei, sondern eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Menschen Wandel überhaupt mitvollziehen können und daher stets auf ein komplexes Beziehungsgeflecht trifft. Verständlichkeit schafft Anschlussfähigkeit; ohne sie bleibt Transformation ein Projekt der Institutionen – und nicht der Gesellschaft.
Daniel Kubiak ergänzte diese Sicht durch seine Forschungsperspektive. Er zeigte, wie leicht Regionen sich selbst täuschen, wenn sie rechte Gewalt verharmlosen oder räumlich verschieben. Das Problem werde damit nicht kleiner, sondern unsichtbarer – und damit wirkmächtiger. Er warnte davor, rechte Mobilisierung als lokale begrenzte Einzelphänomene zu betrachten. Denn: Sie sei eingebettet in ein Kontinuum aus lokalen Symbolen, sozialen Zugehörigkeiten und historischen Erzählungen, die in der Lausitz besonders wirksam seien, und über soziale Medien gut vernetzt.
Eindringlich war auch der Beitrag von Benny Stobiński, Dipl. Sozialarbeiter und Stadtverordneter aus Spremberg. Er beschrieb die rechte Raumnahme nicht theoretisch, sondern aus unmittelbarer Beobachtung: junge Männer, die über Fußball-Fanszenen rekrutiert werden, rechtsextreme Gruppen, die an Schulen auftreten, und eine Alltagsnormalisierung, die oft erst bemerkt wird, wenn sie sichtbar eskaliert. Für Jugendliche, sagte er, spiele Strukturwandel nur dann eine Rolle, wenn im eigenen Umfeld ein Arbeitsplatz wegfalle. Die politische und zeitliche Dimension sei vielen zu abstrakt. Identität erscheint dagegen konkreter Tatbestand – und wird von rechten Gruppen gezielt besetzt.
In der Diskussion entstand nach und nach der Konsens, dass genau diese identitäre Ansprechbarkeit ein neuralgischer Punkt ist. Rechte Akteure bieten Zugehörigkeit, Klarheit, Orientierung. Demokratie bietet Ambivalenz, Aushandlung, Komplexität. Die Frage, wie man jungen Menschen demokratische Formen von Zugehörigkeit eröffnet, blieb zwar am Ende offen, markierte aber den eigentlichen Mittelpunkt der Debatte. Am Ende war die Podiumsdiskussion kein seichter, harmoniegeleiteter Austausch, sondern vielmehr ein ehrlicher, der die Problemlagen offen und schonungslos benannte. Er zeigte, dass unterschiedliche Gesellschaftsbereiche – Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, soziale Arbeit – das gleiche Problem aus verschiedenen Richtungen betrachten, und dass genau darin eine Chance liegt: Erst wenn diese Perspektiven legitim nebeneinanderstehen dürfen, entsteht ein realistisches Bild dessen, an welchem Punkt des Weges die Lausitz steht, womit sie derzeit ringt – und welche Hebel für Veränderung existieren.
Der erste Veranstaltungstag machte deutlich, wie eng gesellschaftliche Spaltung, demokratische Stabilität und die Zukunftsfähigkeit des Strukturwandels miteinander verknüpft sind. Die wissenschaftlichen Analysen und der intensive Austausch auf dem Podium legten die strukturellen Ursachen und Konfliktlinien offen, ohne einfache Antworten zu liefern. Zugleich wurde klar, dass Erkenntnis allein nicht ausreicht. Der zweite Tag des Strategieforums richtete den Blick deshalb konsequent auf die Praxis: auf Akteure, die vor Ort mit den Folgen dieser Entwicklungen arbeiten, Räume offenhalten und demokratischen Zusammenhalt im Alltag verteidigen.
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Impulse aus der Wissenschaft (Teil 3)
Dr. Tanja Buch vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung entfaltete in ihrem Vortrag einen empirischen Blick auf die Wechselwirkungen zwischen rechten Wahlerfolgen und regionalen (Ab)Wanderungsbewegungen. Ihre Daten zeigten ein klares Muster: Regionen mit hoher rechtsextremer Aktivität verlieren an Attraktivität, und zwar nicht nur für Menschen aus dem Ausland, sondern auch für Teile der deutschen Bevölkerung. Junge und gut qualifizierte Menschen reagieren besonders sensibel auf diese Entwicklungen. Für viele ist nicht alleine die Arbeitsmarktlage ausschlaggebend, sondern das gesellschaftliche Klima und die Attraktivität eines Wohnortes oder eines Betriebes.
Bemerkenswert war ihr Befund, dass bestehende ausländische Communities zwar oft als Pullfaktor für eine Region wirken, dieser Effekt jedoch sofort kippt, sobald Rassismus und rechtsextreme Parteien das Bild der Region prägen. Aus der vormaligen Anziehung wird so schnell ein abschreckendes Szenario und der Zuzug verringert sich nachweislich. Buch betonte zudem, dass sich Zuzugsinteressierte tendenziell nicht auf offizielle Informationen verlassen, sondern auf die Erfahrungsberichte ihrer Communities vor Ort. Ihr Vortrag lieferte damit eine klare Botschaft: Wer Fachkräfte gewinnen will, braucht mehr als nur gute Arbeitsbedingungen. Entscheidend ist, ob Menschen das Gefühl haben, sicher und willkommen zu sein. Rechtsextremismus wirkt direkt auf Standortentscheidungen – und damit auf die Zukunftsfähigkeit der Lausitz.
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Nach den analytischen Zugängen des ersten Tages wurde von uns bewusst ein offenes Austauschformat gewählt. Die Fishbowl sollte jenen Raum geben, die Rechtsextremismus nicht theoretisch verhandeln, sondern ihm in ihrer täglichen Arbeit begegnen. Anders als die Podiumsdiskussion war dieses Format niedrigschwellig angelegt, ohne feste Redeabfolgen oder institutionelle Rollen – offen für Erfahrungen, Zweifel und Brüche. Ziel war es nicht, Positionen gegeneinanderzustellen, sondern kollektives Wissen aus der Praxis sichtbar zu machen und miteinander ins Gespräch zu bringen.
Interaktives Diskussionsformat
»Rechtsextremismus in der Lausitz: Erfahrungen teilen und Gegenstrategien entwickeln«
»Rechtsextremismus in der Lausitz: Erfahrungen teilen und Gegenstrategien entwickeln«
Im Rahmen der Fishbowl am zweiten Tag, wurde das abstrakte Thema Rechtsextremismus mit praktischen Erfahrungswerten untersetzt. Das offene Gesprächsformat zwang niemanden zur Zurückhaltung. Wer etwas beitragen wollte, konnte sich zu Wort melden und Platz nehmen – ein Prinzip, das der gemeinsamen Diskussion eine besondere Unmittelbarkeit verlieh. Schon nach wenigen Minuten zeigte sich, wie groß der Druck ist, unter dem viele Akteurinnen und Akteure im Bereich Prävention und Opferberatung rechtsextremistischer Gewalt tagtäglich arbeiten. Die Runde eröffnete ein Fenster in die Praxis: Es wurden keine theoretischen Debatten geführt, sondern Alltagserfahrungen, Unsicherheiten und Belastungen geteilt und besprochen.
Den Auftakt bildeten die eingeladenen Expertinnen und Experten, die gleich zu Beginn ein tiefenscharfes Bild der Situation vor Ort zeichneten. Sie beschrieben eine Realität, die in der gängigen Verwaltungssprache selten vorkommt: flächendeckende Raumnahme rechter Akteure, eine steigende Zahl junger Täter, Angriffe auf politische Gegner, queere Menschen und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Die Fälle seien in der Praxis noch zahlreicher, als es die offiziellen Statistiken nahelegten, so die Expertinnen und Experten. In Görlitz und Bautzen existierten gut vernetzte und etablierte Neonazi-Netzwerke, in vielen Kommunen sei das „rechte Problem“ nicht punktuell, sondern strukturell.
Die Diskussion erhielt eine weitere Erfahrungsebene, als Lukas Pellio (Studierendenseelsorger) aus seiner Gemeindearbeit als Pfarrer in Spremberg berichtete. Als er 2020 nach Spremberg kam, fand er kaum zivilgesellschaftliche Strukturen, die sich offen gegen rechts positionierten. Das Raumgreifen rechter Gruppen sei so weit fortgeschritten gewesen, dass viele dachten, sie seien allein. Erst als Gelegenheiten geschaffen wurden, bei denen Menschen einander begegneten – ein Grillabend, ein Gemeindetreffen –, wurde sichtbar, wie viele tatsächlich Haltung zeigen wollen. Pellios zentrale Erkenntnis wirkte im Raum nach: Engagement entsteht nicht aus Belehrung, sondern aus dem Wissen, nicht allein zu sein und dem Schaffen von Räumen, um sich untereinander auszutauschen.
Mit der Öffnung der Fishbowl für die Zuhörenden weitete sich die Perspektive zusehends. Dr. Thomas Prennig (Netzwerkbüro) lenkte die Aufmerksamkeit auf eine Dimension, die bislang kaum ausgesprochen wurde: die geschundenen Identitäten in der Region. Viele Menschen der Lausitz tragen die biografischen Brüche der 1990er Jahre bis heute in sich. Junge Menschen suchen nach Zugehörigkeit und Identität – oft in Räumen, die scheinbar einfache Antworten anbieten. Fußball sei ein solcher Raum, der kollektive Identität vermitteln und ein Wir-Gefühl schaffen kann, sagte er, doch zugleich ist es auch ein Ort, den rechte Gruppen gezielt bespielen und dadurch auch viele junge Menschen erreichen. Die Nähe zwischen lokalen Fanszenen und rechten Strukturen mache ein demokratisches Gegennarrativ schwer zugänglich. Die Idee, Fußball könne identitätsstiftend für demokratische Initiativen genutzt werden, wurde an dieser Stelle deutlich in Frage gestellt. Die Strukturen seien dafür oft zu männlich, zu geschlossen, zu stark von rechten Narrativen durchdrungen.
Weitere Stimmen betonten, dass Identitätssuche, gesellschaftliche Unsicherheit und ökonomische Belastungen ineinandergreifen. Katharina König (Losmachen – Verein zur Förderung der Lausitzer Zivilgesellschaft e.V.) erinnerte daran, dass Strukturwandelnarrative oft sehr männlich geprägt seien, während die Erfahrungen von Frauen kaum vorkommen, obwohl sie viele der biografischen Verluste tragen. Chloé Frenzel (BMBFSFJ) fragte indes nach Wegen, wie Kommunen fachlich unterstützt werden können, wenn einzelne Bildungsmanagerinnen und -manager an ihre Grenzen stoßen. Die Antwort war ernüchternd: Häufig brauche es erst die Skandalisierung, bevor Verwaltungen handeln.
Zum Ende der Diskussion verschob sich der Fokus. Moderatorin Katrin Kantak (kobra.net gGmbH) bat die Teilnehmenden, miteinander darüber zu sprechen, was ihnen Mut macht. Diese Drehung veränderte die Atmosphäre spürbar. Mut entstehe dort, wo Menschen sich vernetzen und erleben, dass sie nicht isoliert sind. Mut entstehe, wenn rechte Gewalt nicht verschwiegen, sondern benannt wird. Mut entstehe, wenn demokratische Akteure sich gegenseitig sichtbar machen und ihre Räume zurückerobern.
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Schlussworte
Die Abschlussworte von Dr. Roland Löffler (Sächsische Landeszentrale für politische Bildung) und Dr. Thomas Prennig markierten den Punkt, an dem die zwei Veranstaltungstage ihren gemeinsamen Fokus fanden: Die Zukunft der Lausitz entscheidet sich nicht allein durch Projekte und Investitionsmittel, sondern wird maßgeblich durch die Frage bestimmt, ob es gelingt, Vertrauen, Orientierung und demokratische Stabilität in der Region zu stärken.
Dr. Roland Löffler begann mit einer nüchternen Diagnose. Der flächendeckende Vertrauensverlust in politische Institutionen sei tiefgreifend, kein Randphänomen und ein zentraler Motor für rechtsextreme Einstellungen. Politische Bildung könne in diesem Kontext unterstützen, sei aber kein Reparaturwerkzeug für bereits verfestigte Ideologien. Sie erreiche vor allem jene, die sich ohnehin im demokratischen Spektrum bewegen. Wer sich klar in rechtsextremen Milieus verortet, sei durch Bildungsangebote in der Regel nicht umzustimmen.
Er wandte sich zudem gegen die Erwartung, Identitätsfragen ließen sich rein politisch befrieden. Identitäten seien nicht endlos verhandelbar und unterliegen gewissen gesellschaftlichen, historischen und biographischen Rahmenbedingungen. Deshalb sind Sie auch stets persönlich konnotiert und lassen sich nur selten von oben verschreiben bzw. allgemein definieren. Der aussichtsreichere Ansatz liege in sozialpartnerschaftlichen Lösungen: verlässliche Institutionen, nachvollziehbare politische Entscheidungen, soziale Sicherheit. Demokratische Stabilität entstehe am besten dort, wo Menschen die Auswirkungen politischer Entscheidungen konkret nachvollziehen können. Seine zentrale Botschaft: Alle gesellschaftlichen Bereiche tragen Verantwortung. Wer Wandel will, muss Räume schaffen, in denen Menschen sich beteiligen können – und diese Räume zugleich schützen.
Der Projektleiter des Netzwerkbüros Bildung in der Lausitz, Dr. Thomas Prennig, nahm diesen Gedanken auf, stellte aber die Rolle politischer Bildung noch einmal deutlicher heraus. Politische Bildung könne Haltung vertiefen, aber sie bekehre keine Rechtsextremen. Dafür seien die Ursachen zu strukturell: ökonomische Unsicherheit, biografische Brüche, Statusverlust, fragile soziale Netze. Rechtsextremismus sei nicht durch Informationsdefizite erklärbar, sondern durch Erfahrungen von Ausschluss und Abwertung.
Er griff auch die im Raum stehende Kritik auf, das Thema Rechtsextremismus bekomme erst dann Aufmerksamkeit, wenn wirtschaftliche Interessen bedroht seien. Er deutete dies anders: Die Region habe mit dem Strukturstärkungsgesetz ein historisches Zeitfenster erhalten, das Hoffnung in vielen hier lebenden Menschen erzeugte – Hoffnung auf bessere Infrastruktur, moderne Schulen, belebte Ortskerne und Zuzug von jungen Menschen. Die Lausitz hat seit dreißig Jahren zum ersten Mal wieder die Chance nach Jahrzehnten des Schrumpfens wieder zu wachsen. Genau diese Hoffnung droht bei vielen gerade zu kippen, da das Erstarken rechtsextremer Aktivitäten dazu führt, dass Investitionen gefährdet, junge Menschen vertrieben und Zuzug verhindert wird. Die Lausitz könne sich einen zweiten Verlust an Zukunftsperspektiven schlichtweg nicht leisten.
Sein Schluss war knapp, aber zentral: Das Strategieforum Lausitz mit seinem thematischen Fokus sollte die vom Rechtsextremismus ausgehenden Gefahren für den Strukturwandel herausstellen und deren Tragweite diskutieren. Ohne eine offene Gesellschaft und den ernstgemeinten Willen, wieder zu wachsen, werden viele Vorhaben nicht langfristig tragfähig sein und auch die Beschäftigungseffekte nur von kurzer Dauer sein. Transformation braucht demokratische Belastbarkeit – und Menschen, die bereit sind, sie zu tragen.
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Unser Dank gilt allen Mitwirkenden, die mit ihren Ideen und ihrem Engagement diese Veranstaltung bereichert haben. Lassen Sie uns diesen Schwung mitnehmen und die Lausitz zu einer Modellregion für Innovation, Vielfalt und nachhaltige Entwicklung machen. Ganz nach unserem Leitsatz: Bildung verbindet!
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